Heidelberger
             Fastenbrechen

Erfahrungsberichte - Gäste


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Herr Klaus-Dieter D. schreibt:

"Am Donnerstag, den 2. September, klingelten wir um 19:45 Uhr, ein wenig nervös, bei unseren unbekannten Gastgebern. An der Wohnungstür begrüßte uns Familie Gümüs mit herzlicher Freundlichkeit. Mit Erleichterung stellten wir fest, dass es die erste mögliche Klippe, nämlich beim gegengeschlechtlichen Händeschütteln, gar nicht gab. Frau Gümüs und ihre drei Töchter (im Alter von sechs bis 19 Jahren) gaben nach meiner Frau auch mir die Hand und ebenso ungezwungen freundlich sollte der Abend auch weitergehen. Nachdem wir, Schuhe inbegriffen, im Flur abgelegt haben, unterhielten wir uns im Wohnzimmer z.B. darüber, wie wir nach Heidelberg gekommen waren und wie lange wir schon hier sind.

Zunächst richtete Frau Gümüs die Grüße ihres Mannes aus, der leider an diesem Abend einen Arbeitstermin hatte. Die innere Spannung der Anwesenden angesichts dieser ungewöhnlichen Begegnung ließ gleich nach und wir kamen gut ins Gespräch, als wir festgestellt hatten, dass es uns allen mit dieser Situation gleich ging. Wir erzählten uns über die Orte, an denen wir wohnen und gewohnt haben. Interessant war es, zu erfahren, wie unsere Gastgeberin quasi zufällig bei einem Urlaub ihrer Eltern in Istanbul zur Welt kam. Die Familie lebte bereits in Wiesbaden, wo Frau Gümüs aufwuchs und sich sehr zuhause gefühlt hatte, bevor Sie über ihren Mann nach Heidelberg kam. Ein wenig war es ja auch mir so gegangen, denn den Weg nach Heidelberg hatte auch ich wegen meiner Frau eingeschlagen.

Um 20:15 Uhr meldete sich eine Stimme auf Arabisch aus einem elektronischen Wecker: die Zeit zum Fastenbrechen war gekommen. Aus diesem sozusagen islamischen Wecker, den Herr Gümüs seiner Frau geschenkt hatte, erklingt der Muezzin zu den fünf Gebetszeiten und auch die Zeit für das Fastenbrechen teilte er pünktlich mit. Wir gingen hinüber in die Küche, wo der Tisch reichhaltig gedeckt war. Zunächst gab es traditionell eine Dattel als ersten Bissen und anschließend Linsensuppe. Frau Gümüs hatte sich größte Mühe gemacht und sogar Rat und Unterstützung ihrer Nachbarin eingeholt, damit auch alles so köstlich schmeckte. Es gab mit Hackfleisch gefüllte Auberginen und Weinblätter, dazu Reis, Börek, selbstgebackene mit Schafskäse gefüllte Brötchen und Salat. Zu Trinken gab es Ayran und Wasser. Alles war so lecker, dass der Appetit noch andauerte, als der Hunger längst gestillt war. Kein Wunder, dass wir kaum noch Platz für den Nachtisch in uns fanden: Kalburabasti (mit Walnüssen und Zitronensirup gefülltes Gebäck) und Lokum (Süßigkeit aus geliertem Sirup, gefüllt mit Pistazienstückchen).

Beim Essen und miteinander Reden verging die Zeit im Flug. Wir vertieften die Themen um die Familie, Eltern, Geschwister und die religiöse Erziehung, die wir zuvor angeschnitten hatten:

___Wie aktiv leben wir Religion?

Wir tauschten uns aus, wer in der Familie wie seinen Glauben praktiziert oder nicht. Frau Gümüs berichtete, wie sie sich vor etwa vier Jahren entschloss, ein religiöses Leben nach den Regeln des Islams zu führen. Seitdem trägt sie ein Kopftuch. Zuvor verlief ihr Leben ganz "normal" und mit wenig religiöser Bindung, wie bei den meisten Deutschen auch. Sie schilderte, wie sich aus dieser Entscheidung ein anderes und bewussteres Umgehen mit dem Leben entwickelte. Beim Zuhören sah ich sie auf einer Art Entdeckungsreise, bei der sie sich fortwährend mit den Koran vertraut macht, diesen hinterfragt und nach einem eigenen Verständnis sucht.

___Wie begegnen wir unseren Kindern?

Frau Gümüs spricht viel mit ihren Kindern über Religion, aber sie drängt sie in keine bestimmte religiöse Richtung. Auf keinen Fall will sie streng gläubige Muslimas aus ihren Töchtern machen, sondern sie sollen später selbst für sich über ihren Glauben entscheiden können.

__ Wie sind wir aufgewachsen?

__ Welche Erfahrungen machten wir als Kinder und Jugendliche mit der Religion?

__ Welche Gemeinsamkeiten haben die christliche und islamische Religion?

__ Was bewegt die Extremisten (jeder Religion) und wie kann man ihnen Einhalt gebieten?

__ Wie kann es sein, dass eine große Mehrheit von Gleichgesinnten manchmal mörderisches Leid durch eine extreme Minderheit erfahren muss?

Es machte Freude miteinander zu sprechen und zuzuhören, eine Familie mit anderen kulturellen Wurzeln von innen zu erleben. Wir hätten uns noch lange weiter austauschen können, aber gegen 23 Uhr machten wir uns auf den Heimweg. Unsere Gastgeber hatten uns Kalburabasti und weitere Köstlichkeiten eingepackt, so dass wir auch die nächsten Tage noch ganz unmittelbar an unsere freundschaftliche Begegnung mit Familie Gümüs zurückdachten. Gerne hätten wir auch noch Herrn Gümüs getroffen, der im Gespräch immer wieder vorkam. Nicht nur deswegen haben wir unsere Gastgeberfamilie auch zu einem Besuch bei uns eingeladen.

Wir danken den Initiatoren dieses ersten gemeinsamen Heidelberger Fastenbrechens für diese hervorragende Idee und die gelungene Umsetzung. Sie ermöglichte uns, Menschen persönlich zu begegnen, die wir mangels echter Erfahrung in Gesprächen manchmal anonym und abstrakt bezeichnen (z.B. als "muslimische Menschen mit Migrationshintergrund") und sie als sympathische Mitmenschen kennen zu lernen."


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